Kinder der Straße

In Deutschland gibt es jährlich zwischen 1.500 und 2.500 Minderjährige, die über einen längeren Zeitraum auf der Straße leben. Warum sie lieber auf der Straße leben und welchen Gefahren sie ausgesetzt sind, lest ihr hier

Tagsüber fallen sie kaum auf. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht von anderen Jugendlichen. Zwar wirkt die Hose etwas zu groß und der Pulli hängt schlabberig runter, doch der unordentliche Kleidungsstil ist zurzeit bei allen Teenagern im Trend. Aber wenn die Geschäfte in der Innenstadt schließen und die Straßen sich nach und nach leeren, sieht man sie: Kleine Gruppen von Jugendlichen, die sich mit ihrem Schlafsäcken und Decken an die Eingänge der großen Warenhäuser legen. Vom Bahnhof halten sie sich fern. Dort gibt es zu viele Polizisten und Sicherheitsleute. Die könnten sie entdecken und wieder nach Hause schicken. Deswegen trifft sich die Gruppe um den 17-jährigen Tobi in einer Einkaufspassage. Sie hat einen großen Dachvorsprung. Der schützt, falls es regnen sollte.

Tobi, 17 Jahre

Tobi ist heute schon kurz nach Ladenschluss da. Nach und nach kommen auch die anderen. Sie sind müde und hungrig. Den ganzen Tag waren sie unterwegs. Sie haben gebettelt, geklaut oder ihren Körper verkauft. Einige arbeiten für Hehler als Boten oder als Drogenkuriere. Aber darüber sprechen die Kinder untereinander nicht. Dass ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Wenn es hell ist, sind die meisten Kids lieber alleine unterwegs. "So bettelt es sich besser", sagt Tobi. Er ist groß, hat dunkelbraune Haare und ein kindliches Gesicht. Eigentlich kommt er aus einem kleinen Ort bei Hannover. Vor vier Monaten haben ihn seine Eltern rausgeschmissen. Sie haben gesagt, er soll nie wieder kommen. Am Anfang hat Tobi noch eine Weile bei einem Freund geschlafen. Aber als er auch noch Stress mit anderen Leuten aus dem Dorf bekam, musste er weg. Er ist mit dem Zug nach Hamburg abgehauen. Das ist jetzt zwei Monate her. Die meisten Straßenkinder stammen nicht aus den Großstädten, in denen sie sich herumtreiben. Sie kommen meistens aus ländlichen Gebieten. In die Stadt kommen sie nur, um in der Menschenmasse unterzutauchen.

Bonny, 15 Jahre

Ohne Fahrkarte reisen, so macht es auch Bonny. Manchmal trampt sie auch. Doch das ist gefährlich. "Du weißt nie, zu wem du ins Auto steigst", sagt die 15-Jährige. Sie hat eine Melone mitgebracht und schneidet sie gerecht auf. "Obst ist wichtig, sonst werden wir krank. Und krank und auf der Straße, das ist der Horror", sagt sie. Bonny kommt aus Berlin und ist vor zwei Jahren weggelaufen. Sie ist sich sicher, dass sie keiner vermisst. Die wenigsten Straßenkinder sind von ihren Eltern verstoßen worden. Fast immer sind es die Kinder selbst, die den Kontakt zu ihren Familien abbrechen. Nahezu alle Straßenkinder berichten, dass sie von ihren Eltern vernachlässigt wurden. Rund zwei Drittel von ihnen bezweifelt, dass ihre Eltern sie je geliebt haben. Zu Hause fühlen sie sich einsam und unerwünscht.

Bonny ist zierlich, die Haare kurz geschoren. Sie trägt eine bunte Jeans und einen Nietengürtel. Sie sagt, sie sei ein Punker. Trotz ihrer Springerstiefel wirkt sie zerbrechlich. Sie ist das einzige Mädchen in der Runde, aber auch die mit der größten Klappe, wenn es sein muss. Bonny ist in Hamburg, weil sie in Stralsund Jensen kennen gelernt hat und der unbedingt nach Hamburg wollte. Jetzt ist sie froh, dass sie hier ist. Es gibt hier viele Hilfseinrichtungen für Obdachlose. Sie weiß, wo sie waschen oder sich duschen kann. Es gibt einige Plätze, an denen sie was zu essen bekommt oder auch übernachten kann. In die Schlafräume geht sie trotzdem nicht gern. Sie sagt, dass es dort stinkt und sie sich wie im Gefängnis fühlt. Deswegen schläft sie lieber draußen, so lange es das Wetter zulässt.

Spätestens um 23 Uhr ist die Gruppe komplett. Denn jetzt kommt die mobile Suppenküche zum Bahnhof. Da gehen sie immer zusammen hin. So ist ihnen wenigstens ein Mal am Tag eine warme Malzeit sicher. Nach dem Essen legen sie die Schlafsäcke aus. Sie trinken Bier und hochprozentigen Alkohol. Die Kronkorken der Bierflaschen machen sie mit Messern auf. Jeder von ihnen hat ein Eigenes. "Wenn mir einer an die Gurgel will, will ich nicht wieder ohne ein Messer dastehen", sagt Tobi. Und das ist keine übertriebene Vorsicht: Erst vor kurzem ist er von drei Jugendlichen zusammengeschlagen worden. Einfach so. Ohne Grund, ohne Streit. Die wollten einfach nur draufhauen. Und er war alleine unterwegs. Danach hat er sich auch ein Messer gekauft, "obwohl ich eigentlich gegen Gewalt bin", sagt er mit einem Seufzer. Auf der Straße zu leben, bedeutet für die Jugendlichen, ständig in Gefahr zu sein. Sie haben keine Möglichkeit zum Rückzug, keinen geschützten Raum. Sie sind ständig Gewalt, Drogen und Kriminalität ausgesetzt.

Jensen, 17 Jahre

Jensen ist erst 17 Jahre alt, sieht aber aus, wie 25 oder älter. Er ist ordentlich rasiert, und sauber angezogen. Eine lustige bunte Kette trägt er um den Hals. Er wirkt wie ein Student, der eine Rucksackreise macht. Dabei lebt er schon seit vier Jahren auf der Straße. Vor ein paar Tagen wurde er nachts im Park ausgeraubt. Als er am nächsten Morgen aufgewachte, waren seine Sachen weg. Er war so betrunken, dass er nicht einmal merkte, dass ihm die Diebe die Schuhe ausgezogen hatten. Jetzt trägt er Badeschlappen, obwohl schon Oktober ist. Alte Schuhe aus der Spende will er nicht, die findet er ekelig. Er spart für Winterstiefel, denn wenn die kalte Jahreszeit kommt, ist warme Kleidung überlebenswichtig.

Jensen sagt, dass er mit dem Wort "Zu Hause" nichts anfangen kann. Er sagt auch, dass er keine Familie hat. Dann wird er nachdenklich. Ein Viertel der Straßenkinder berichtet davon, zu Hause misshandelt worden zu sein. Einige Kinder wurden geschlagen, manche auch sexuell missbraucht. Der Weg auf die Straße hat für sie nichts mit jugendlicher Unternehmungslust zu tun. Es ist die Entscheidung eines verzweifelten Kindes, welches vor dem täglichen Elend fliehen will.

Fast alle obdachlosen Jugendlichen sind krank. Neben den Narben auf der Haut haben drei Viertel der Kinder Verhaltensstörungen und sind depressiv. Das heißt, sie sind immer traurig und unzufrieden mit sich selbst. Manche möchten nicht einmal mehr leben. Sie kommen sich wertlos vor. Langfristig drohen ihnen Alkohol- und Drogensucht, Prostitution und die Infektion mit Krankheiten wie Gelbsucht und AIDS. Je länger sie auf der Straße leben, desto schwieriger fällt ihnen die Wiederkehr in ein normales Leben.

Später erzählt Jensen vom letzten Winter. Damals hat ihn der Wintereinbruch in München erwischt. Es war so bitterkalt, dass er fast erfroren ist. "Ich dachte, wenn ich in München bleibe, werde ich sterben." Er ist nach Frankreich getrampt. "Wenn du in eine neue Stadt kommst, triffst du schnell auf Leute wie mich. Auch wenn du nicht sagen kannst, woher du kommst und dass du Hunger hast. Sie nehmen dich in ihre Gruppe auf." Jetzt ist er wieder in Hamburg. Bald zieht er weiter. Früher oder später ziehen alle weiter.

Frank, alias Karedon, 16 Jahre

Der Einzige, der bleibt, ist Karedon. Eigentlich heißt er Frank, aber er möchte Karedon genannt werden. Den Namen hat er sich für den Helden aus seinem Fantasy-Roman ausgedacht. Wie der Held in seinem Buch, malt er sich schwarze Halbmonde an die äußeren Augenwinkel. Mit seinen schwarzen Haaren, dem bleichen Gesicht und den dunklen Klamotten sitzt er da und raucht einen Joint. Er ist vor zwei Monaten von zu Hause weggelaufen. "Ich musste das tun", sagt der 16-Jährige. Warum genau, darüber will er nicht sprechen. Er würde auch gern mit den anderen ziehen. "Aber ich kann nicht", sagt er. Karedon hat einen 5-jährigen Bruder. "Ich gehe jeden Mittag zu ihm, um zu gucken, ob es dem Kleinen gut geht. Ich passe auf ihn auf", sagt er leise. Am liebsten würde er seinen Bruder mitnehmen. Aber die Straße ist kein Ort für kleine Kinder. "Die Drogen tun mir gut, ohne die kann ich nicht einschlafen. Dann liege ich wach und denke zu viel nach. Darüber, was so passiert ist und wie das hier weiter gehen soll." Wenn Karedon nicht genug Geld für harte Drogen hat, kauft er sich hochprozentigen Alkohol. "Dann trinke ich so lange, bis ich nicht mehr denken kann."

Jo

Jo sitzt etwas abseits. Er spricht nicht. Er lacht auch nicht, wenn Tobi die Passanten veräppelt. "Haben Sie etwas Kleingeld für uns? Nein? Macht nichts, wir nehmen auch große Scheine!" Niemand weiß genau, woher Jo kommt und wie lange er schon in Hamburg ist. Sein Gesicht ist weich, er kann nicht älter als 14 Jahre alt sein. Die meisten Straßenkinder sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Die Jüngeren sind meistens nur Ausreißer, die nur für ein paar Wochen auf der Straße leben. Straßenkinder bleiben, weil es für sie kein zurück in die Familie gibt. Fast alle wollen weg von der Straße. Die Älteren möchten selbständig sein. Einen Schulabschluss machen und Arbeit finden. Die jüngeren Kinder wünschen sich vor allem Geborgenheit. Eine Person, der sie vertrauen können und die sie einfach nur lieb hat. Ob die Person arm oder reich ist, ist egal. Kein Kind läuft nur deswegen weg, weil die Eltern arm sind.

Patrick, 13 Jahre

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich der aufgedrehte Patrick auf. Er ist nur am Wochenende da. Jeden Freitag kommt der 13-Jährige nach Hamburg und bleibt bei der Gruppe bis Sonntag. Dann muss er zurück, wegen der Schule. Auch wenn er die Woche in seiner Stadt verbringt, zu Hause ist er selten. Nach der Schule lungert er mit seinen Freunden so lange rum, bis er müde ist. Erst dann geht er Heim. Seinen Eltern ist es egal, wo er seine Tage verbringt. Es interessiert sie nicht, was er macht oder ob er zu Mittag gegessen hat. "Aber wenn ich die Schule versaue, bringt mich mein Vater um", sagt Patrick und lacht laut. Die anderen lachen nicht. Kinder wie Patrick, nennt man Pendler. Sie pendeln immer zwischen der Straße und ihrem zu Hause.

Eigentlich wollte Patrick heute "Party machen". Doch nach und nach geben die Jugendlichen ihrem Rausch nach und schlafen ein. Die meisten haben ihre Schlafsäcke und Decken nicht rechzeitig aufgebaut. Sie schlafen, an die Fensterscheibe gelehnt, im Sitzen ein. Einige gleiten zur Seite. Sie sind vom Alkohol und Drogen betäubt, so dass sie jetzt nichts mehr spüren. Nicht, dass es kalt ist. Nicht, dass sie verdreht liegen. Jetzt fühlen sie auch nicht, dass sie auf der Straße leben, von ihren Eltern vertreiben, von der Gesellschaft abgestoßen. Fast alle wünschen sich insgeheim, dass sie morgen in einem warmen Bett aufwachen. Dass sie in einer liebevollen Familie leben und ihre Ausbildung machen können. Dass das Leben auf der Straße nur ein böser Traum war...

Doch stattdessen wird sie morgen um sieben Uhr die Reinigungsfirma vertreiben, die die Fußgängerpassage sauber macht. Dann werden sie wieder in den Tag ziehen. Ein neuer Tag im Kampf ums Überleben.

Hilfe für obdachlose Kinder

Das Leben auf der Straße folgt grausamen Gesetzen. Wer überleben will, muss sich anpassen. Kaum ein Straßenkind schafft es alleine, den Kreislauf aus Betteln, Alkohol, Drogen und Gewalt zu durchbrechen.

Deswegen ist es dringend notwendig, dass es genug Hilfestellen gibt. Plätze, an die sich die obdachlosen Kinder wenden können. Es gibt jetzt schon Einrichtungen, die den Obdachlosen ihr Straßenleben durch Schlafplätze, Essensagebote und Duschmöglichkeiten erleichtern. 75% der Hilfsprojekte für Straßenkinder in Deutschland werden staatlich finanziert. Es gibt aber auch Privatinitiativen wie Vereine und Stiftungen, die sich überwiegend über Spenden finanzieren. Dazu zählen auch das internationale Kinderhilfswerk terre des hommes und die Stiftung Off-Road-Kids.

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